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Dolmetscher und Übersetzer: Zwei vollkommen verschiedene Persönlichkeitsprofile?

Dolmetscher und Übersetzer verfolgen ein gemeinsames Ziel: Menschen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen die Möglichkeit zu geben, den jeweils anderen zu verstehen und gleichzeitig verstanden zu werden. Doch trotz dieser Gemeinsamkeit gestalten sich Studium, Berufsalltag und die eigentliche Tätigkeit sehr unterschiedlich. Bedeutet dies aber auch, dass ihre Persönlichkeit sehr unterschiedlich ist?


Dass unsere Persönlichkeit unser Denken und Handeln bestimmt, haben zahlreiche Philosophen, Psychologen und viele andere bereits festgestellt und versucht, herauszufinden, welche Persönlichkeitsmerkmale dazu geeignet sind, unsere Berufswahl und Zukunft zu bestimmen. Eines der Berufsfelder, dem bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist das der Dolmetscher und Übersetzer.


Zum heutigen Zeitpunkt existieren kaum wissenschaftlich fundierte Aussagen hinsichtlich des typischen

Persönlichkeitsprofils eines Dolmetschers oder Übersetzers, weshalb sich über die Jahre hinweg gewisse polarisierende Stereotypen herausgebildet haben, beispielsweise dass Dolmetscher extrovertierter und Übersetzer perfektionistischer als die jeweils andere Berufsgruppe seien.

Doch ist das wirklich so einfach und eindeutig? Mittels einer Umfrage für praktizierende Dolmetscher und Übersetzer sollte genau dieser Frage nachgegangen und untersucht werden, ob auffällige Persönlichkeitsunterschiede existieren und ob ein „typisches Persönlichkeitsprofil“ ermittelt werden kann.


Ermittlung der Persönlichkeiten


Um fundierte Aussagen hinsichtlich der Eigenschaften einer Person treffen zu können, hat sich über die Jahre hinweg die Erhebung mittels Fragebögen in der Persönlichkeitsforschung etabliert. Im Jahre 1989 entwickelten Paul T. Costa und Robert R. McCrae die Big Five. Die fünf mit dem Kürzel OCEAN beschriebenen Persönlichkeitsdimensionen gliedern sich in Extraversion (E), Neurotizismus (N), Offenheit für Erfahrungen (O), Gewissenhaftigkeit (C) und Verträglichkeit (A) auf und gelten mittlerweile aufgrund „ihrer qualitativen Kriterien weltweit als State of the Art“ (vgl. Fehr 2006: 116).


Da das Vorurteil des perfektionistischen Übersetzers in dem Berufsfeld sehr weit verbreitet ist, sollte diese Eigenschaft ebenfalls untersucht werden. Anfang der 1990er-Jahre wurden ein Konzept von Randy O. Frost et al. entwickelt, das Perfektionismus als ein multidimensionales Phänomen ansieht. Maßgeblich sei bei dieser Eigenschaft die Unterscheidung in Persönliche Ansprüche (PS) und Sorge über Fehler (CM). Ersteres meint die Art von Perfektionismus, die einen Menschen intrinsisch motivieren kann, wohingegen letzteres sich oft in Selbstzweifeln bis hin zu Depression äußert.


Für jeden Persönlichkeitsfaktor entwickelten die Wissenschaftler Aussagen, auch Items genannt, die von den Probanden auf einer Skala bewertet werden müssen. Für diese Studie wurden die geeignetsten Items ausgewählt und sich für eine vierstufige Likert-Skala entschieden. Den Antwortkategorien wurden die Werte von eins bis vier zugewiesen (starke Zustimmung= 4, Zustimmung= 3, Ablehnung= 2, starke Ablehnung= 1) und anschließend die Ausprägungen der Eigenschaften durch den Mittelwert berechnet. Im Bereich von 4 bis 2 gilt die befragte Person beispielsweise als extrovertiert, im Bereich von 2 bis 1 als introvertiert .


Der Online-Fragebogen (bei Interesse: Online-Big-Five-Test für Sie) wurde an alle deutschsprachigen Universitäten in Deutschland und Österreich, an die Leiterin der deutschen Kabine der SCIC, an die deutsche Sprachabteilung der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Kommission und über den Verteiler des VKD und BDÜ an deren Mitglieder versendet. Insgesamt nahmen 386 Personen an der Online-Umfrage teil, von denen allerdings 56 Fragebögen ausgeschlossen werden mussten, da sie nicht vollständig ausgefüllt wurden.

Stichprobe


Da bei Fragebögen die Gefahr besteht, dass die Teilnehmer zu einer positiveren Darstellung tendieren, enthielt dieser eine Ehrlichkeitsskala, deren Items bei ehrlicher Beantwortung bejaht werden müssen. Die Auswertung verdeutlicht, dass der Mittelwert bei den einzelnen Befragten zwischen 0.75 und 4.00 beträgt. Bei Werten kleiner gleich 2.25 muss davon ausgegangen werden, dass mindestens die Hälfte der Items verneint wurden. Um zu vermeiden, dass solche Werte die Auswertung der Ergebnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen verzerren, wurden alle Fragebögen mit einem Mittelwert der Ehrlichkeitsskala von kleiner gleich 2.25 von der Analyse ausgeschlossen.

In der reduzierten Stichprobe (N=190) gaben 13 Personen an, dass sie noch Studenten seien. Diese wurden aus der Stichprobe entnommen, da sich die Studie auf bereits praktizierende Dolmetscher und Übersetzer mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung beziehen soll. Die endgültige Stichprobe umfasst somit 177 befragte Personen, von denen 146 weiblich (82 %) und 31 männlich (18 %) sind. Das Durchschnittsalter beträgt 40,92 Jahre, wobei der jüngste Proband 23 Jahre und der älteste 76 Jahre alt ist. Dementsprechend variiert auch die Berufserfahrung von einem Jahr bis hin zu 43 Jahren. Der Großteil, 74 % von ihnen, gehört der deutschen Nationalität an.

Bei Beantwortung der Frage nach der Haupttätigkeit wählten lediglich 34 % der Befragten Dolmetschen und 16 % Übersetzen als ihre alleinige Haupttätigkeit aus, was bedeutet, dass fast die Hälfte als Dolmetscher und Übersetzer arbeitet und eine Verhältnisangabe nannte. Dabei repräsentiert 50 zu 50 die am häufigsten vertretene Kategorie mit 19 Nennungen (11 %). Es musste somit festgelegt werden, ab welchem Tätigkeitsverhältnis ein Proband als Dolmetscher beziehungsweise Übersetzer zu verstehen ist. Diejenigen, die ein Verhältnis von 70 zu 30, 60 zu 40, 40 zu 60 und 30 zu 70 nannten, wurden in eine dritte Kategorie eingeordnet. Dadurch ergaben sich für die erste Gruppe 78 Dolmetscher (44 %), 38 Übersetzer (22 %) für die zweite und 61 Personen (34 %) wurden der letzten Kategorie zugewiesen, die im Folgenden als Dolmetscher & Übersetzer bezeichnet werden.


Ergebnisse


Die Auswertung der sieben untersuchten Dimensionen ergab keine deutlichen Persönlichkeitsunterschiede. Die Grafik verdeutlicht, wie sehr sich die Persönlichkeitsprofile der drei Kategorien ähneln. Alle drei Berufsgruppen treten, gemäß dieser Untersuchung, sehr extrovertiert und durchsetzungsfähig auf, verfügen über eine große Neugier sowie Motivation und sind offen gegenüber Veränderungen. Sie stellen hohe Ansprüche an sich selbst, jedoch nicht in extremer oder ungesunder Weise.



Der Mittelwert bei der Dimension Extraversion, die am stärksten von allen ausgeprägt ist, fällt zwar bei den Dolmetschern mit 3.07 höher aus als bei den Übersetzern (2.98), allerdings ist diese Differenz von 0.09 zu vernachlässigen.


Auch wenn Übersetzer einen um 0.18 höheren Mittelwert als Dolmetscher in Bezug auf die Eigenschaft Persönliche Ansprücheaufweisen, stellt dieses Ergebnis ebenfalls keine deutliche Differenz dar, weshalb nicht von einem Persönlichkeitsunterschied ausgegangen werden kann. Zudem sind die Mittelwerte für die Facette Gewissenhaftigkeitfast deckungsgleich, woraus geschlossen werden kann, dass die Personen aus jeder der drei Gruppen sehr pflichtbewusste, umsichtige und ordentliche Menschen sind. Sehr gering ausgeprägt ist dahingegen der negative Perfektionismus.

Dolmetscher und Übersetzer stellen demnach zwar hohe Ansprüche an sich selbst und streben nach einem gewissen Maß an Perfektion, allerdings tendieren sie nicht dazu, sich zu sehr unter Druck setzen und selbst in Frage zu stellen – ein Risiko für Depression oder krankhaften Perfektionismus besteht somit nicht.

Ist es an der Zeit, umzudenken?


Dolmetscher und Übersetzer sind sich gemäß den Ergebnissen dieser Untersuchung ähnlicher als bisher angenommen und häufig behauptet – eine Schlussfolgerung, die zum Nachdenken anregt. Wir können demnach nicht einfach unsere Vorurteile ersetzen und von nun an proklamieren, dass Übersetzer in dieser oder jener Hinsicht eine stärker ausgeprägte Persönlichkeit aufweisen – ganz im Gegenteil. Folgt man der Studie dieser Arbeit, müssen wir uns von jeglichen vorgefertigten Bildern und Verallgemeinerungen distanzieren und anfangen, Dolmetscher und Übersetzer nicht mehr als vollkommen unterschiedliche Persönlichkeitsypen anzusehen.


Die Tatsachen, dass beide Tätigkeiten bereits im Studium voneinander abgegrenzt und der Berufsalltag der einen Berufsgruppe nicht mit dem der anderen verglichen werden kann, lässt uns oft vergessen, dass die Grundmotivation von Dolmetschern und Übersetzern die Gleiche ist. Beide wollen die Verständigung zwischen verschiedensprachigen Menschen ermöglichen. Dazu müssen sie in erster Linie eines tun: Ihre Sprachkenntnisse täglich erweitern, sowie ihr Allgemeinwissen, besonders das (inter-) kulturelle Wissen, ständig auf dem neusten Stand halten. Darüber hinaus stellt gerade für freiberufliche Dolmetscher und Übersetzer eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit einen deutlichen Vorteil dar, um erfolgreich in der Privatwirtschaft tätig sein zu können. Dafür müssen beide aufgeschlossen, kontaktfreudig und bestimmt sein. Demzufolge müssen sie die Eigenschaft in sich tragen, die alle drei genannten Adjektive miteinander vereint: die Extraversion.



Die starke Ausprägung des Perfektionismus in beiden Berufsgruppen scheint ebenfalls nicht verwunderlich. Ein Übersetzer kann sich eine gewisse Zeit zum Nachdenken und Überarbeiten seiner Texte nehmen und sie sozusagen zur Perfektion treiben. Dies heißt jedoch im Umkehrschluss nicht, dass ein Dolmetscher keine Zeit für Genauigkeit hat. Denn eine solche Einstellung könnte dazu führen, dass Nuancen des Referierenden nicht wahrgenommen werden und im schlimmsten Fall eine falsche Verdolmetschung entsteht. Demzufolge muss sich auch ein Dolmetscher nicht nur sehr genau auf die Einsätze vorbereiten, sondern auch während der Konferenzen auf jedes Wort achten. Die Unmittelbarkeit der Verdolmetschung erfordert von einem Dolmetscher ein hohes Maß an Perfektion und einen Sinn für das Detail.


Doch auch wenn im Rahmen dieser Untersuchung allgemeine Schlussfolgerungen gezogen wurden und Mittelwerte für die Persönlichkeitsdimensionen gebildet werden konnten, sollte nicht vergessen werden, dass die Persönlichkeit von Mensch zu Mensch variiert, was besonders bei Betrachtung der Ergebnisse der Einzeldatensätze deutlich wird. Dabei stößt man sowohl bei den Übersetzern als auch bei den Dolmetschern auf Personen, die ein vollkommen anderes Persönlichkeitsprofil aufweisen. Daher sollten weitere Studien mit einer größeren Stichprobengröße und mit Fremdbeurteilungen durch Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen durchgeführt werden, um Aufschluss darüber zu geben, ob sich die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen lassen. Interessant wäre zudem auch die Untersuchung, ob ein Zusammenhang zwischen den Spezialisierungen der Übersetzer bzw. Dolmetscher und ihrer Persönlichkeit besteht.


Die folgende Anmerkung eines Probanden (Dolmetscher und Übersetzer) verdeutlicht sehr gut, dass einen Menschen sowohl Aspekte des Dolmetschens als auch des Übersetzens begeistern können: „Ich liebe das Dolmetschen, weil man nie wissen kann, was kommt und man sehr viel Neues dazulernen kann, andererseits mag ich auch das Übersetzen, weil man ohne Stress und in Ruhe an Formulierungen basteln kann und man genügend Zeit hat, die Terminologie zu recherchieren und nachzubereiten“. Stereotypen und Vorurteile über Dolmetscher und Übersetzer sollten demnach hinterfragt und überdacht werden. Doch eines zeigt die Studie mit Sicherheit: So vielfältig wie die möglichen Sprachenkombinationen eines Dolmetschers und Übersetzers sein können, so vielfältig sind auch ihre Persönlichkeiten.


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