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Wie bereiten Dolmetscher Fachkongresse vor?

Die Fülle an dem heutzutage zur Verfügung stehenden Wissen sowie die immense Bandbreite an Vorbereitungsmaterial für allein eine Konferenz können nicht mehr mit traditionellen Vorgehensweisen strukturiert, aufbereitet und memoriert werden.

1. Kapazitätenmodell

Dolmetschen zählt gemäß einer Studie der Weltgesundheitsorganisation nach Pilot und Fluglotse zu den drei

stressigsten Berufen der Welt (Schleufe: online). Im Laufe der Globalisierung haben sich die Anforderung an einen professionellen Dolmetscher deutlich erhöht. Die Fülle an dem heutzutage zur Verfügung stehenden Wissen sowie die immense Bandbreite an Vorbereitungsmaterial für allein eine Konferenz können nicht mehr mit traditionellen Vorgehensweisen strukturiert, aufbereitet und memoriert werden. Bereits Daniel Gile veranschaulichte mit Hilfe seines Modells, dass einem Dolmetscher während des Dolmetschens nur begrenzte Kapazitäten zur Verfügung, die dementsprechend effizient verteilt werden müssen (vgl. Gile 1995: 81ff.). Das Heidelberger Dolmetschmodell entwarf eine erweiterte Darstellung des Kapazitätenmodells und verdeutlicht, dass bei einer Überschreitung der Kapazitätengrenze, eine vollständige und qualitativ hochwertige Verdolmetschung nicht mehr gewährleistet werden kann (vgl. Stoll 2013: 7).


Um genau dieses Phänomen zu vermeiden, muss ein Dolmetscher seine Kapazitäten so effizient wir möglich verteilen. Ein essentieller und unabdingbarer Bestandteil stellt dabei die Vorbereitung dar. Diese ermöglicht es, Kognition vorzuverlagern und somit während des Dolmetschens mehr Kapazitäten für andere Vorgänge zur Verfügung zu haben. Demnach muss die vorgelagerte Kognition so umfassend und professionell wie möglich erfolgen. Dazu wurden im Bereich der Dolmetschwissenschaft auf Grundlage persönlicher Erfahrungen, Beobachtungen und Befragungen praktizierender Dolmetscher (vgl. z.B. Rütten 2007, Stoll 2009, Will 2009) sogenannte Arbeitsverfahren bzw. Workflows entwickelt, die im nächsten Abschnitt genauer erläutert werden, um anschließend zu prüfen, inwiefern diese theoretischen Konzepte während der Mock-Konferenz am 19.06.2015 am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg von den Examenskandidaten während ihrer persönlichen Vorbereitung berücksichtigt und angewendet wurden.


2. Workflow

Die Vorbereitung stellt einen sehr individuellen Vorgang dar mit jeweils eigenen Präferenzen und Herangehensweisen. Einige Dolmetschwissenschaftler haben jedoch den Versuch unternommen, diesen Vorgang zu systematisieren (vgl. z.B. Rütten 2007, Stoll 2009, Will 2009). Im Folgenden soll das Arbeitsverfahren und die Timeline nach Christoph Stoll kurz erläutert werden (vgl. Stoll 2009: 67 ff.). Bei diesem Modell, das aus insgesamt acht Phasen besteht, wird innerhalb jeder einzelnen dieser Phasen stets noch einmal in inhaltliche bzw. fachliche, terminologische und dolmetschstrategische Vorbereitung unterteilt.

2.1 Allgemeine Voraussetzungen

Dolmetscher müssen neben der gezielten Vorbereitung für Konferenzen ihre Grund- und Sprachkenntnisse auf dem aktuellsten und qualitativ hochwertigsten Stand halten, z.B. durch das Lesen von Fachzeitschriften in den jeweiligen Arbeitssprachen. Darüber hinaus sollten sie stets bestrebt sein, die persönlichen Dolmetschstrategien und -kompetenzen zu perfektionieren und entsprechend der durch die Konferenzen gesammelten Berufserfahrungen anpassen.


2.2 Anruf Kunde / beratender Dolmetscher

Sobald der Kunde oder beratende Dolmetscher den Dolmetscher für eine Konferenz anfragt und der Termin bestätigt wurde, beginnt die Hintergrundrecherche auf Grundlage der entsprechenden Fachliteratur. Dementsprechend sollten die entsprechenden Fachwörterbücher besorgt werden, nach Glossaren recherchiert werden sowie ein erstes Brainstorming angestellt werden. Dolmetschstrategisch erweist sich die Lektüre von Fachzeitschriften als äußert hilfreich, da die Aneignung des entsprechenden Jargons den Einsatz von Ökonomiestrategien beim späteren Dolmetschen ermöglicht.


2.3 Zusendung Vertrag und Programm

Nach Erhalt des Vertrages und Programms erfolgt die Recherche nach Rednerbiografien, den vertretenden Organisationen und Unternehmen sowie eine genauere Auseinandersetzung mit der Konferenzgliederung. Auf Grundlage dessen kann eine sprachsystematische Recherche und ein assoziatives Brainstorming angestellt werden. Daraus lassen sich entsprechende Wortbildungsregeln, Verdichtungsmöglichkeiten und Top-Down-Prozesse herausarbeiten.


2.4 Zusendung Vortragsmanuskripte & Tagungs-CD

Ein entscheidender Schritt beginnt mit der Zusendung des Vortragsmanuskriptes und der Tagungs-CD. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich nun während der Lektüre Content Maps und Flow-Charts zum Inhalt der Manuskripte bzw. PowerPoint-Folien anfertigen. Im Hinblick auf die terminologische Vorbereitung sollten Wortfelder sowie Konzeptsysteme erstellt werden. Grundlegend ist an dieser Stelle ebenfalls die Anwendung von Manuskriptstrategien. Hierbei müssen die Manuskripte so bearbeitet und vorbereitet werden, dass sie in der Kabine mit nur einem Blick erfasst werden können. Für die erforderliche Markierung muss hier jeder Dolmetscher seinen eigenen Schlüssel für die farbliche Markierung und Zeichen entwickeln für die Segmentierung, Priorisierung, Markierung von Realien, Zahlen, Verben und Sprungpunkten.

2.5 Neuronaler Drill

Kurz vor der Konferenz sollte nun das erarbeitete Wissen und die Terminologie so effizient wie möglich memoriert und aktiviert werden, damit das benötigte Wissen am Konferenztag abrufbar ist. Auch hier muss jeder Dolmetscher für sich persönlich herausfinden, welche Strategien sich entsprechend des Lerntyps am geeignetsten und effizientesten erweisen. Hilfreich sind hierbei die Anfertigung von Sichtvorlagen, die Memorierung der wichtigsten terminologischen Begriffe, besonders der Top 10 %, die Sortierung der Glossare entsprechend ihres Vorkommens im Manuskript und das laute Vorlesen des Manuskriptes.


2.6 In der Kabine vor dem Einsatz

Befindet sich der Dolmetscher schließlich auf der Konferen , in der Kabine und kurz vor dem Einsatz, sollten alle Sichtvorlagen, Manuskripte und notwendigen Unterlagen griffbereit positioniert werden. Wichtig für die fachliche Lernkurve ist hierbei, aufmerksam zuzuhören und demnach die Zuverlässigkeitsstufen des Glossars zu verifizieren und ggf. zu ändern (von Kabinenlösung über Teamkonsens bis hin zu muttersprachlicher Fachmann). Zur Aktivierung der dolmetschstrategischen Trigger sollten darüber hinaus die Manuskripte quergelesen werden. Eine Bereicherung kann gleichzeitig die Analyse der Strategien der Dolmetschkollegen darstellen

.

2.7 Während des Dolmetschens

Während des Dolmetschens benötigt der Dolmetscher das in der Vorbereitung angeeignete Fachwissen für die Strategien, die Realienlisten sowie Sichtvorlagen zur kognitiven Entlastung. Im Sichtfeld des Dolmetschers sollten sich außerdem die Rednerbiographien und Manuskripte mit den Dolmetschstrategie-Triggern befinden, damit ein kurzer Blick genügt, um die entsprechende Information auszumachen und mit in die Verdolmetschung einfließen zu lassen.


2.8 Nachbereitung &Verifikation

Dieser achte und letzte Schritt wird häufig unterschätzt und vernachlässigt. Nach jeder Konferenz sollten die Materialien archiviert und die Informationsquellen sowie Kollegen notiert werden. In dem Glossar müssen die Einträge nach Teamkonsens markiert werden, für zukünftige Konferenzen erweist sich zudem das Niederschreiben von praktischen Ellipsen und der Top 10% Vokabeln als äußerst hilfreich. Alle vertraulichen Dokumente müssen sorgfältig entsorgt werden. Auf dolmetschstrategischer Ebene sollte eine Reflexion der angewandten Strategien und der der Dolmetschkollegen erfolgen, um ineffiziente Strategien in Zukunft zu vermeiden und die eigenen hochleistungsfähigen Dolmetschstrategien zu optimieren.

Anja Rütten (2007) geht ebenfalls von einer Einteilung der Vorbereitung in Zeitphasen aus. Dabei unterscheidet sie in Pre-process, Peri-process, In-process und Post-process. Diese werden allerdings noch einmal in verschieden Verarbeitungsebenen untergliedert: die notwenigen Information müssen zuerst recherchiert, dann aufgearbeitet und mit dem bereits vorhandenen Wissen abgeglichen werden, um schließlich verwendet und angewendet werden zu können. Rütten betont, dass diese Phasen jedoch nicht immer chronologisch erfolgen, sondern durchaus Vor- oder Rückgriffe möglich sind (vgl. Rütten 2007: 113-116).

Eine dreigliedrige Einteilung der Konferenzvorbereitung postuliert Martin Will (2009): Vor, während und nach der Konferenz. Dabei sollten beispielsweise Textterminibenennungen erfasst, die Wissensstrukturen in der Ausgangs- und Zielsprache kontrastiv miteinander verglichen werden und die ausgangssprachlichen Wissensstrukturen in die Zielsprache überführt werden (vgl. Will 2009: 111-120).


3. Zusammenfassung

Die Zeit direkt vor der Konferenz ist für den Dolmetscher entscheidend. An dieser Stelle muss er genau wissen und unterscheiden können, welche der recherchierten Informationen und erarbeiteten Terminologiebegriffe für den Auftrag am wichtigsten sind und diese so effektiv wie möglich memorieren, damit sie während des Dolmetschens direkt vom Gedächtnis mit minimalem kognitiven Aufwand abrufbar sind.

Doch auch wenn an dieser Stelle von den wichtigsten Informationen gesprochen wird, umfassen diese meistens noch ein immenses Volumen, das nicht mit herkömmlichen Lernstrategien bewältigt werden kann. Die in dieser Arbeit präsentierten Mnemotechniken sind speziell darauf ausgelegt, sich Wissen so anzueignen, dass es im Langzeitgedächtnis gespeichert wird und demnach jederzeit abrufbar ist.

Leider beschäftigen sich heutzutage noch viel zu wenige praktizierende Dolmetscher mit der professionellen Vorbereitung, Terminologierecherche sowie Lernstrategien. Dies ist wahrscheinlich größtenteils der Tatsache geschuldet, dass diese Themenbereiche während der Ausbildung bisher kaum vertieft gelehrt werden.

Das Beherrschen solcher Strategien erhöht die Leistungsfähigkeit und Professionalität eines Dolmetschers enorm. Je mehr Wissen er sich im Vorfeld angeeignet und gemerkt hat, desto weniger muss der Dolmetscher während der Konferenz nachschlagen oder Sichtvorlagen konsultieren und hat demzufolge deutlich mehr Kapazitäten für die anderen Prozesse während des Dolmetschens zur Verfügung, wie beispielsweise die Höranalyse. Da „[zu] den aufwendigsten, also die Kognition am meisten beanspruchenden Einzelprozessen beim Dolmetschen [...] die Wortfindungsstrategien“ (Stoll 2009: 124) gehören, sollte auf die Vorbereitung dieser Strategien das Hauptaugenmerk gelegt werden. Das Memorieren der Top10% Terminologie, des Fachjargons und der fachsprachlichen idiomatischen Redewendungen machen demnach den Großteil des Neuronalen Drills aus.

Das Beherrschen hochleistungsfähiger Mnemotechniken und deren Anwendung während des Neuronalen Drills, kurz vor der Konferenz sind somit für jeden professionellen Dolmetscher unabdingbar. Je mehr Hintergrundwissen, Terminologie und Fachjargon mit minimalem Aufwand direkt aus dem Gedächtnis abrufbar sind, desto mehr kognitive Entlastung stellt dies für den Dolmetscher dar. Wie bereits Benjamin Franklin betonte: „ Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen“. Im Falle eines Dolmetschers bringt sie freigewordenen Kapazitäten und erhöht die Qualität der Verdolmetschung.

4. weiterführende Literatur

Baker, Mona/Saldanha, Gabriela (20112) Routledge Encyclopedia of Translation Studies.New York: Routledge.


Doğan, Aymil/Arumi Ribas, Marta/Mora-Rubio, Begonya (2009) Metacognitive Tools In Interpreting Training: A Pilot Study. Edebiyat Fakültesi Dergisi / Journal of Faculty of Letters, Cilt 26 :1. 69-84.


Gao, Bin (University of International Business and Economics). 2014. Opening dynamic studies on simultaneous interpreting: an interpretation of the cognitive-pragmatic approach (in Chinese). In Foreign Language Research. (5): 72-76.


Gile, Daniel (1995) Basic concepts and models for interpreter and translator training. Amsterdam [u.a.]: Benjamins.


Kalina, Sylvia (1998) Strategische Prozesse beim Dolmetschen. Tübingen: Günter Narr.


Kurz, Ingrid (1996) Simultandolmetschen als Gegenstand der interdisziplinären Forschung. Wien: WUV-Universitätsverlag.


Pöchhacker, Franz/Neyer, Franz J. (2002) The Interpreting Studies Reader. Tübingen: Günter Narr.


Přibylová, Marie (2014) Zvládání stresu při simultánním tlumočení (teoreticko-empirická studie) - Stress Management in Conference Interpreting: An Analysis of Theory and Practice – in Czech. Director of the thesis: Prof. PhDr. Ivana Čeňková, CSc. M.A. Thesis – September 2014, Institute of Translation Studies, Faculty of Arts, Charles University in Prague (IC)


Rütten, Anja (2007) Informations- und Wissensmanagement im Konferenzdolmetschen. Frankfurt am Main: Peter Lang.


Stoll, Christoph (2009) Jenseits simultanfähiger Terminologiesysteme. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier.


Stoll, Christoph (2013) The Heidelberg Model of Simultaneous Interpreting. In: Translation in Transition. Heidelberg.


Will, Martin (2009) Dolmetschorietierte Terminologiearbeit. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.

YUDES, Carolina, Pedro MACIZO, Teresa BAJO (University of Granada, Spain). 2013. Coordinating comprehension and production in simultaneous interpreters: Evidence from the Articulatory Suppression Effect. Bilingualism: Language and Cognition 15 (2), 2012, 329–339.


YUDES, Carolina, Pedro MACIZO, Luis MORALES, Teresa BAJO (University of Granada, Spain) (2013) Comprehension and error monitoring in simultaneous interpreters. Applied Psycholinguistics 34 : 1039-1057.


Online-Einträge

Schleufe, Markus: Hören, übersetzen, mitsprechen. http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-06/beruf-dolmetscher (28.07.2015, 20 Uhr 40)


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